Donnerstag, 15. September 2011

Lieblingstees: Ostfriesentee ( Teil 2)

von Jan-Gerret Jochim

 


Die ostfriesische Symphonie


Ein Ostfriesentee ist, wie ich eingangs schrieb, eine Symphonie aus kräftigen Teesorten. Würde man den Tee ganz untraditionell einfach so trinken, wäre es eine schlagartige, unorganisiert klingende Explosion von Blechbläsern, Trommeln und Pauken. Dank der Teezeremonie bekommt diese Symphonie allerdings eine Struktur. Ganz zu Anfang haben wir den Teeanteil mit der Wulkje, der Sahne. Stellen sie sich ein paar leise, warm klingende Geigen vor, die das Stück eröffnen. Der Tee hat hier eine angenehm cremige Textur, im Abgang hören sie aber schon die Blechbläser, die sich langsam und leise bemerkbar machen. So geht das ein, zwei Schlückchen lang gut. Dann werden die Bläser allerdings penetranter. Das Wulkje ist weg, sie nehmen den nächsten Schluck. Die Bläser spielen auf, in ihren Ohren trommelt es und sie hören diverse, laute Paukenschläge. Das ist der pure Tee, die Explosion von der wir vor ein paar Zeilen noch sprachen. Ein kräftiger, torfig-malziger, herber Geschmack. Aber ein bisschen Sahne haben sie noch im Gaumen, die Geigen sind nicht ganz verschwunden, das macht die jetzt erlebte raue Geschmacksgewalt durchaus erträglich. Es fühlt sich ein bisschen abenteuerlich an. Die jüngeren Semester hören übrigens gerade so etwas wie eine 3-Riff Folge in Endlosschleife und ungefähr 100 Dezibel über dem, was ein Arzt als "noch gesundheitsverträglich" beschreiben würde. Sie trinken inzwischen weiter, nach einer kleinen Weile, zwei, drei Schlückchen, wird es ihnen langsam mulmig. Sie spüren diese Pauken inzwischen mehr als ihnen lieb ist ihr Zwerchfell malträtieren. Sie beginnen sich zu fragen ob das denn nie aufhört. Ein bisschen Abenteuer ist ja schön und aufregend aber irgendwann...

Sie kommen zum Kluntje. Die Bläser, Trommler und Pauken hören schlagartig auf. Nein, nicht alle Bläser, eine hübsche, hohe Querflöte bekommt ihr Solo. Der Tee am Tassenboden hat inzwischen eine intensive Süße, die wirklich nur deswegen noch einigermaßen erträglich bleibt weil der Tee an sich so herb war. Beim zweiten Schluck überschlägt sich die Flötistin fast vor Spielfreude. Sie denken sich einen kurzen Moment, dass dies fast schon zu weit geht, das ist wirklich unerhört süß. Dann sind sie kurz verwirrt, weil sie selbst nicht mehr wissen, ob sie die Flötistin oder den Tee meinten. Beim dritten und letzten Schluck verdrehen sie unweigerlich leicht die Augen und ihre Lider flattern. Die Flötistin stößt ein langes, quietschendes Gepfeife aus und fällt ohnmächtig mit einem leisen Poltern aus dem Orchestergraben von ihrem Stuhl. Dann ist es still.

Mein Ostfriesland

Mein Name ist Jan-Gerret Jochim. Ich bin Blog Autor aus Berlin und meine Heimat, in der ich die ersten 22 Jahre meines Lebens verbrachte ist Bremen. Ich liebe Bremen über alles, es ist meine Stadt, mein wahrer und über alle Maßen geschätzter Ort der Sehnsucht. Und... ich war noch nie länger als für einen Tagesausflug in Ostfriesland.
Aber genau deswegen konnte ich über keinen anderen Tee schreiben, als Bert Boege mich bat meinen Lieblingstee hier kurz (entschuldige Bert, kurz ist nicht ;) vorzustellen. Kein anderer Tee weckt in mir so eine große Sympathie für ein Land, das ich kaum kenne, für Menschen, die ich in meinem Leben noch kaum kennen gelernt habe, für Träume, die zutiefst romantischer Natur sind, von denen ich aber selbst ahne, dass ihre Romantik vor allem in meinem Kopf existiert.

Ein wirklich guter Tee, ein Lieblingstee, sollte genau das tun. Er sollte nicht nur gut riechen, oder gut schmecken. Er sollte uns entführen können an Orte, an denen wir selbst noch gar nicht waren. Er sollte uns Bilder schenken, die wir selbst noch nicht gesehen haben.
Er sollte uns inspirieren.

1 Kommentar:

  1. Diese Beschreibung gefällt mir sehr. Sehr kreativ und sinnlich.

    Danke dafür.

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